
Der Vollblut-Älpler
Erich, Sandra, Romy und Alfons Betschart sind ein eingespieltes Team. Bereits seit 1985 bewirtschaften sie zusammen die «Charetalp» auf rund 1878 m.ü.M. im Muotathal (SZ). Dort kümmern sie sich um ihre 100 Milchschafe und 70 Milchziegen, plus rund 1000 Fleischschafe sowie ein paar Rinder anderer Bauernbetriebe. Eine Strasse führt keine zu ihnen. Mensch und Tiere sind zu Fuss unterwegs.
Der Begriff Zickenkrieg kommt nicht von ungefähr. «Wenn die Ziegen im Stall nicht ihren bewährten Platz zwischen bekannten Artgenossinnen haben, dann streiten sie miteinander», sagt Schaf- und Ziegenbauer Erich Betschart. Mit seinen Tieren und der Familie zieht der leidenschaftliche Älpler während einem halben Jahr von Ort zu Ort. Seine Motivation für das anspruchsvolle Wanderleben ist nicht zuletzt das Wohlbefinden der Tiere: «Man merkt, dass sie sich darauf freuen auf die Alp zu gehen. Hier haben sie viel Freiheit, kräuterreiches Futter und es ist weniger heiss.»

Familienbusiness
Erich Betschart ist 42 Jahre alt. Genauso lange verbringt er den Sommer auf der Alp: «Ich war als zwei Wochen alter Säugling mit meinen Eltern Romy und Alfons das erste Mal dabei.» Seit 1985 bewirtschaftet die Familie zusammen mit Erichs Frau Sandra und den drei Kindern Alex, Andi und Ronny die Charetalp im Muotathal (SZ). «Charet» steht für die rauen Karstfelsen, welche die Gegend prägen. Die Familie sind eingefleischte Älpler, obwohl die Tage streng sind. «Wir beginnen um 4.30 Uhr in der Früh. Nach einer kurzen Mittagspause geht die Arbeit weiter bis um 19.30 Uhr das Nachtessen ansteht.» Auch Sandras Bruder, ihre Eltern sowie zahlreiche Freunde helfen aus. Um während der Schulzeit die Kinder im Tal zu betreuen, Arbeiten auf dem Talbetrieb zu erledigen oder bei der Alp- auf und Abfahrt zu unterstützen. Ohne viele helfende Hände wäre das Ganze nicht zu stemmen. In der Alpzeit hilft zudem meist eine Studentin oder ein Student aus Deutschland mit.
Auf Wanderung
Im Winter bewirtschaften Sandra und Erich den 12 Hektar kleinen Heimbetrieb in der Fugglen im Muotathal. Das Land ist in der Bergzone 3 und damit steil. Das Gelände sei für schwere Tiere wie Kühe weniger geeignet, erläutern sie. «Aus diesem Grund halten wir rund 100 Milchschafe und 70 Milchziegen.» Mit den selbst hergestellten Ziegen- und Milchschafprodukten erwirtschaften sie zusätzliche Wertschöpfung. Dank Direktvermarktung können sie so von ihrem kleinen Landwirtschaftsbetrieb ohne fixes Nebeneinkommen leben. Das Land reicht allerdings nicht, um die Tiere rund ums Jahr mit Futter zu versorgen. Deshalb gehen sie im Mai zuerst auf die Alp Bärensol und dann im Sommer auf die Charetalp. Die Charetalp ist so gross, dass sie zusätzlich 1000 Fleischschafe plus einige Rinder von weiteren Bauern dazu nehmen können. Im Herbst geht es über die Bärensol-Alp wieder zurück nach Hause. Die Familie ist also rund ein halbes Jahr unterwegs.


Fitnesstraining
Sowohl die Alp Bärensol wie auch die Charetalp sind nur zu Fuss zu erreichen. Mensch und Tiere wandern beim Alpauf- und Alpabzug folglich den ganzen Weg von unten nach oben und im Herbst wieder zurück. «Das dauert gesamthaft zwei Tage. Beim Transport unterstützen uns zwei Pferde und ein Pony.» Für grössere Transporte wie von Brennstoff für den Generator zum Melken oder den Rücktransport von Käse kommt ein Helikopter zum Einsatz. Von der Charetalp müssen die Betscharts rund 1.5 Stunden laufen. Dann sind sie bei der Bahnstation Glattalp, die sie runter ins Tal bringt. Sandra Betschart macht diesen Weg jede Woche mindestens zwei Mal: «Am Freitag gehe ich jeweils mit unseren Produkten auf den Wochenmarkt nach Einsiedeln.» Wenn die Kinder in der Schule sind, dann ist sie mit ihnen im Tal. Am Freitagabend kommen dann alle bis am Sonntag hoch auf die Alp.
Alpleben
Geborene Älpler wie die Familie Betschart sagen: «Die vier Monate Alpleben sind der Höhepunkt des Landwirtschaftsjahres.» Für viele andere ist es ein anstrengender Job, sieben Tagen die Woche unter entbehrungsreichen Bedingungen. Manche Sommer regnet es viel. Zudem kann es in dieser Höhe empfindlich kühl sein oder gar schneien. Am frühen Morgen geht’s los mit dem Melken der Schafe und Ziegen. Danach wird die Milch aufgekocht und zu Käse verarbeitet. Der Käse kommt in den Käsekeller, wo er tägliche Pflege benötigt. Täglich gilt es die Ställe zu reinigen und die Utensilien für das Melken und Käsen abzuwaschen. Dazu kommt die Betreuung der zahlreichen Tiere sowie das Zäunen und Pflegen der Weiden, die sich in der ganzen Hochebene verteilen. Am späteren Nachmittag steht dann bereits wieder das Melken an. Dazwischen müssen die vorbeikommenden Gäste bewirtet, Mahlzeiten gekocht, Abwasch erledigt oder Wäsche gewaschen werden.


Aus Gras wird Milch und Fleisch
Schafe und Ziegen können – wie Kühe oder Pferde – dank einem speziellen Magen die Energie im Gras verwerten. Dank ihnen lassen sich die allgegenwärtigen Weide- und Grasflächen im Berg- und Alpgebiet in Form von Milch und Fleisch für die menschliche Ernährung nutzen. Familie Betschart stellt aus der Schaf- und Ziegenmilch ihrer Tiere jährlich rund 2.5 Tonnen Käse verschiedenster Art her: Frischkäse, Halbhart- und Hartkäse sowie Weissschimmelkäse. Dazu kommen verschiedene Schaf- und Ziegenfleischprodukte. «Wir verkaufen alles am Wochenmarkt in Einsiedeln, am Alpkäsemarkt in Muotathal, auf der Alp selbst sowie in unserem Hofladen auf dem Heimbetrieb im Tal.» Ziegen- und Schafmilch haben eine andere Fettstruktur, sodass sie auch viele Menschen geniessen können, die mit Kuhmilch Probleme haben. Ziegenmilch enthält weniger Fett. Deshalb gibt es aus der gleichen Milchmenge nur halb so viel Käse wie aus Schafmilch.
Wirtschaftlichkeit
Lohnt sich der Aufwand? Das mag sich der eine oder andere fragen. Die Antwort ist gemäss Erich Jein: «Nein, wenn man den Stundenlohn anschaut. Ja, wenn man die Arbeitsstunden nicht zählt.» Erich Betschart sagt dann auch, dass Landwirt und Älpler nicht nur sein Beruf, sondern auch sein Hobby sei. Und man müsse seinen Lebensstil anpassen. Ferien am Meer, das kennt und vermisst die Familie nicht. Der 11-jährige Andi Betschart meint bei dieser Frage: «Ich kann ja in einen Bach springen.» Die nächste Generation Älpler scheint in den Startlöchern zu sein. Da nicht genügend Menschen diese Leidenschaft in die Wiege gelegt bekommen, hat die Alpwirtschaft in der Schweiz Mühe, Personal zu finden. Der karge Verdienst erlaubt es nicht, grossartige Stundenlöhne zu zahlen. Und die Alpromantik ist im harten Alltag oft schnell verflogen.

UNO-Jahr der Weiden und Hirten
Im UNO-Jahr der Weiden und Hirten berichtet die Familie Betschart auf den Kanälen von Schweizer Bäuerinnen & Bauern regelmässig über ihren Alltag auf der Alp Bärensol und der Charetalp. Auf der Webseite www.schweizerbauern.ch findest du ihren Hofladen im Muotathal.

