
Lapisa, eine Alp voller Leben
Herstellung von Käse, eine Buvette für die Wanderinnen und Wanderer, Versorgen der Tiere und Pflege von Weiden: Auf der Alp Lapisa im Val-d’Illiez (VS) macht Hubert Marclay das Beste aus dem Leben auf der Alp. Denn zwischen wirtschaftlichen Anforderungen, den Launen der Natur und seinem Lebensentwurf erfordert der Alpsommer eine sorgfältige Organisation, die laufend angepasst wird.
Jedes Jahr Anfang Juni zieht es den 50-jährigen Hubert Marclay und seine 40-jährige Frau Maureen aus dem Walliser Dorf Champéry weg auf die Alp Lapisa, die eine zweieinhalbstündige Wanderung von Ihrem Betrieb entfernt liegt. Dort bleiben sie bis Ende September. Auf der Alp oben dreht sich der Alltag um die Tiere: 55 Ziegen, 31 Milchkühe, 11 Mutterkühe und ihre Kälber, ein Dutzend Schweine und Hühner bestimmen den Rhythmus ihrer Tage. «Für nichts in der Welt würde ich mein Leben tauschen», sagt der Älpler. Die Alp Lapisa, wo das Paar auch viele Gäste begrüsst, ist aber mehr als ein Postkartensujet oder eine simple Tradition: Sie ist ein lebendiger Arbeitsort, geprägt von Mensch und Tier und offen für alle, die sich die Zeit nehmen, ihn zu entdecken.

Arbeit in der Familie
2009 übernahmen Hubert Marclay und seine Frau den Hof, auf dem sie zuvor für seinen Vater gearbeitet hatten. «Meine Eltern sind jetzt zwar pensioniert, aber sie helfen weiter auf dem Betrieb mit. Ich arbeite gerne als Familie, mit meiner Frau an meiner Seite. Das ist ein Geschenk – sie hätte sich ebenso gut auch für eine andere Arbeit entscheiden können. Maureen und ich ergänzen uns. So ist sie es, die das Alprestaurant führt.» Die drei Söhne der beiden sind zwischen der Alphütte und den Alpweiden aufgewachsen. «Sie lieben den Kontakt mit der Natur und helfen immer gerne mit», sagt der Landwirt. Der 17-jährige Henri macht eine Ausbildung als Forstwart, der 16-jährige Antoine besucht die Landwirtschaftsschule Châteauneuf in Sion und der 13-jährige Rémy besucht die Orientierungsschule und interessiert sich für Landmechanik.
Käseherstellung
Auf der Alp dreht sich die Arbeit von Hubert Marclay um die Käseherstellung. Jeden Morgen beginnt er den Tag mit Melken. Seit 2001 werden die Kühe nicht mehr im Stall gemolken, sondern draussen auf der Weide, mit einem acht Meter langen mobilen Melkstand, den er mit dem Traktor zu den Tieren fährt. «Früher brauchten wir fast eine Stunde, um die Kühe zu suchen und zurück auf die Alp zu holen», erklärt er. In der alten Küche, die zur Käserei umgebaut wurde, wird die Milch anschliessend vor Ort verarbeitet. Die Kühe produzieren zwischen 600 und 650 Liter Milch pro Tag, wozu rund 100 Liter Ziegenmilch kommen. Alle Milch wird auf 1789 m ü. M. verarbeitet: in erster Linie zu AOP-Raclettekäse, aber auch zu frischem Ziegenkäse, Ziegenraclette und Ziger. Ein Teil davon wird auf der Alp verkauft, der Rest wird für den Direktverkauf zur Genossenschaft La Cavagne gebracht.


Der Schatten des Raubtiers
Trotz der verstärkten Präsenz des Wolfs in der Schweiz wurde die Alp Lapisa noch nie von einem angegriffen. «Wir wissen, dass es in der Umgebung Wölfe hat», sagt Hubert Marclay. «In Morgins wurden im letzten Jahr Schafe gerissen und der Wildhüter hat ihn in der Nähe meiner Alp gesichtet. Ich weiss, dass es auch uns treffen kann …» Diese Angst ist allgegenwärtig, wenn der Bauer im Frühling auf die Alp auffährt. «Während einigen Tagen mache ich mir Sorgen, danach arrangieren wir uns damit …», gibt er zu. Momentan lässt er seine Ziegen weiter frei laufen. «Sie lieben es, in die Felsen zu klettern, wo sie die besten Kräuter finden. Dies wirkt sich auch auf die Milchqualität aus.» Müsste er Weiden für sie einzäunen, würde dies grossen Mehraufwand bedeuten, da die Weide nach jedem Abweiden neu abgesteckt werden muss. «Ich überlege mir aber, mit Schutzhunden zu arbeiten, um Konflikte mit Wanderern und Gästen zu vermeiden.»
Eine wichtige Regel für Alpen
Um Bundesbeiträge zu erhalten, müssen die ganze Sömmerungszeit über ausreichend Tiere auf der Alp sein. Ist die Herde zu klein oder bleibt sie nicht lange genug auf der Alp, werden die Subventionen gekürzt oder gar gestrichen.
Agrotourismus und Austausch
Die Alpbuvette von Lapisa, die auch im Winter offen ist, gehört seit über dreissig Jahren zur Region. Sie wurde 1993 von den Eltern von Hubert Marclay eröffnet und 2018 vollständig renoviert. Heute bietet sie Platz für 60 Personen drinnen und für bis zu 100 auf der Terrasse. «Meine Eltern waren Pioniere», erzählt der Älpler. «In der Berglandwirtschaft ist es wichtig, sich zu diversifizieren, denn die Betriebe sind nie gross genug, als dass die Bewirtschaftenden einzig von der Produktion leben können.» Aber Hubert Marclay beklagt sich nicht. «Ich liebe den Kontakt mit den Gästen. Die meisten interessieren sich für das, was wir tun, stellen Fragen und wollen wissen, wie wir leben. Leider muss ich die Gespräche manchmal kurz halten, weil die Arbeit wartet.» Dank dem Agrotourismus kann das Paar auch einen Teil seiner Produkte direkt vermarkten.


Das Leben auf der Alp
«Der Wecker klingelt um 5.30 Uhr, ich nehme mir kurz Zeit für einen Kaffee und dann geht’s los zum Melken. Zu dieser Uhrzeit sind wir die einzigen auf dem Berg: ein magischer Moment.» Auch wenn sich die Arbeit verändert hat, bleibt der Rhythmus streng. «Meine Eltern standen früher um 4 Uhr auf. Sie hatten keine solch leistungsstarken Maschinen und mussten eine Kuh nach der andern von Hand melken. Dies war körperlich viel anstrengender.» Heute läuft alles anders. Der Stromanschluss im Jahr 2017 brachte grosse Veränderungen. Kühlschrank, Tiefkühler und Waschmaschine erleichtern das Leben auf der Alp. Davon wird die Arbeit aber nicht weniger. Wenn die Milch verkäst ist und die neuen Weiden bereit sind, geht der Arbeitstag weiter. «Früher blieben wir auf der Alp», erklärt Hubert Marclay. «Jetzt gehe ich runter ins Tal, um zu heuen.» Der Beruf ist effizienter geworden, aber die Tage sind immer noch lang.
Landschaftspflege im Berggebiet
Als Gegenleistung für die Direktzahlungen gehört die Pflege der Alplandschaft zum Beruf des Bergbauers, bei der auch die Tiere eine wichtige Rolle spielen. Zusätzlich zu seinen eigenen Kühen nimmt Hubert Marclay jeden Sommer Tiere von anderen Bauern (Milch- und Mutterkühe) mit auf die Alp. Im Frühling werden die Alpweiden eingezäunt und laufend erweitert. «Zuerst weiden wir die unteren Weiden. Dann ziehen wir dem wachsenden Gras nach und kommen schlussendlich Weide um Weide wieder runter.» Mit diesem System kann jeder Flecken Gras genutzt werden. «Die Kühe sind wie wir: Es gibt Pflanzen, die sie mögen, andere weniger.» Ohne Pflege verbuscht die Landschaft. Mit der Klimaerwärmung wachsen auf der Alp in letzter Zeit sogar Tannen. «Diese schneide ich. Sonst breitet sich der Wald aus und wir verlieren Landwirtschaftsfläche.» Werden Alpen aufgegeben, hat dies weitreichende Auswirkungen: Wege verschwinden, Böden werden geschwächt, die Erosionsgefahr wächst und die lokale Wirtschaft schwindet.


