Sarah Müri.
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Die Leute bringen mir Essen


Nein, Langeweile komme auch keine auf und einsam fühle sie sich nie. Es käme oft vor, dass Leute sie ansprechen. Die professionelle Schafhirtin Sarah Müri hat wenig Ansprüche an das Leben, aber durchaus hohe berufliche Erwartungen an sich selbst. Sie will die Tiere, ihr Verhalten und ihre Bedürfnisse möglichst gut verstehen. Das bedinge geduldiges Beobachten und stetiges Lernen.

Mit Stiefeln, dicker Jacke, Stirnband und einem Stock steht sie ruhig in der Kälte. Zu ihren Füssen ein gigantischer weisser und zwei zierlichere schwarze Hunde. Sarah Müri schaut konzentriert auf die rund 700 Schafe, die etwas weiter unten friedlich grasen. Es ist Februar irgendwo zwischen Romont und Bulle im Freiburger Hinterland. Während den Wintermonaten zieht die selbstständige Schafhirtin mit den Tieren durch das Land. Jeden Tag geht es weiter. «Die Schafe sind ruhig und zufrieden», sagt sie und beschliesst, für die Mittagspause hier zu bleiben. Sie stellt den ersten Zaun auf und legt auf beiden Seiten zwei weitere bereit. Dann geht sie den Schafen entgegen und pfeift laut. Die weit verteilten Tiere machen sich auf den Weg zu ihr. Die Unterstützung der Hunde braucht sie dieses Mal nicht. Mühelos umzäunt sie die grosse Truppe.

Schafe auf der Weide.

Hirtin statt Geomatikerin

Sarah Müri ist in Bülach im Kanton Zürich aufgewachsen. Gelernt hat sie ursprünglich Geomatikerin. In den Kontakt mit Nutztieren und der Landwirtschaft kam sie nur in den Ferien. «Aber ich war schon immer am liebsten draussen, in Bewegung und ich liebe Tiere», erklärt sie. Auch die Berge haben es ihr angetan. So zog sie als junge Frau ins Wallis, gab im Winter Snowboardunterricht und arbeitete im Sommer auf SAC-Hütten. Irgendwann hatte sie eigene Ziegen und einen Hütehund, mit dem sie arbeiten wollte. «Ich machte ein Praktikum im Waadtland bei einem Hirten. Er zeigte mir die Grundlagen und die Finessen dieses Berufs.» Noch viel wichtiger als die Theorie, sei aber die Erfahrung, ist Sarah überzeugt. Seit zwölf Jahren übt sie diesen Beruf aus, seit sechs Jahren ist sie selbstständige Hirtin.

Lange Arbeitstage

Heute schaut Janik (Foto) vorbei. Er ist einer der Auftraggeber, der Sarah seine Schafe anvertraut und Präsident der Berufsschäfer ist. Bei Michael einem weiteren Schafbesitzer kann Sarah in einem alten Wohnwagen übernachten und am Abend essen. Der Hof ist mit dem Auto in einer halben Stunde zu erreichen. Fürs Frühstück sorgt sie selbst, ebenso dass sie am Mittag was dabeihat. «Allerdings kommt es gerade hier in der Gegend öfters vor, dass mir Menschen etwas zu Essen bringen», erzählt Sarah und strahlt. Wenn der Tag anbricht, beginnt ihr Arbeitstag, wenn es eindunkelt endet er. Aktuell ist sie von 7.00 bis 19.00 Uhr mit den Schafen beschäftigt. Ihre Hauptaufgabe ist, den Schafen immer genügend Futter anzubieten und sie vor Gefahren zu beschützen. Die Nacht verbringen die Schafe in einem umzäunten Pferch. Bewacht von den imposanten Herdenschutzhunden.

Janik, Präsident der Berufsschäfer.
Ein weisser Herdenschutzhund bei den Schafen.

Wichtige Hunde

Hunde und Hirten – das gehört zusammen. Man spürt das gegenseitige Vertrauen. Sieben Hunde hat Sarah total. Drei grosse, weisse Pyrenäenberghunde, welche die Schafe beschützen und vier kleinere, dunkle Hütehunde. Ihre Aufgaben sind verschieden. Die Herdenschutzhunde sind stetig bei den Schafen. Mit ihrer Grösse und hellen Farbe fallen sie inmitten der Schafe kaum auf. Angst braucht man vor ihnen nicht zu haben, sagt die Besitzerin: «Solange man die Schafe in Ruhe lässt, lassen sie einen in Ruhe». Die kleineren Hütehunde sind energiegeladene Wirbelwinde und Arbeitstiere. Am glücklichsten sind sie, wenn sie den ganzen Tag dafür sorgen können, dass sich die Schafe dorthin bewegen, wo man sie haben möchte. Sie sind gerne draussen und in Bewegung – ganz wie Sarah.

UNO-Jahr der Weiden und Hirten

Im UNO-Jahr der Weiden und Hirten berichtet Sarah Müri in den Wintermonaten auf den Kanälen von «Schweizer Bäuerinnen & Bauern» über ihren Alltag als Hüterin von 700 Schafen.

Hirtin aus Passion

Michael selbst ist ebenfalls ein aktiver Schäfer und unterstützt Sarah zwischendurch. «Das schätze ich hier sehr», meint sie dankbar. Ansonsten ist sie auf sich allein gestellt. Vom 15. November bis 15. März dürfen die Wanderherden die vorhandenen privaten Weide- und Wiesenflächen offiziell nutzen. Im Sommer ist Sarah mit Schafen auf einer Alp, dieses Jahr im vorderen Turtmanntal VS. Im Frühling und Herbst arbeitete sie im Naturpark Pfyn. In den letzten Jahren war sie mehr oder weniger an 365 Tage auf den Beinen. Dass es so nicht ewig weiter gehen kann, ist ihr klar: «Diesen Rhythmus kann ich nicht bis zu meiner Pensionierung beibehalten.» Was sie aber gar nicht vermisst, sind Ferien oder Reisen. Statt in fremden Ländern, ist sie lieber bei den Schafen.

Sarah Müri.

Geld ist knapp

Dass Sarah das ganze Jahr arbeitet, ist nicht nur ihrer Passion geschuldet. Als selbstständige Hirtin ist sie pro Arbeitstag bezahlt. 140 bis 190 Fr. sind eine übliche Grössenordnung. Davon muss sie die AHV, ihre Altersvorsorge oder eine Krankentaggeldversicherung selbst zahlen. Ebenso andere Berufsauslagen wie das Futter für die Hunde. Wenn sie in den kurzen Zeitfenstern im Frühling und Herbst nicht im Naturpark arbeiten würde, dann könnte sie sich ihr einfaches Haus in Oberems VS nicht leisten – auch wenn dieses gerade mal 800 Franken pro Monat kostet: «Mit sieben Hunden ist es nicht einfach, eine geeignete und bezahlbare Bleibe zu finden». Deshalb träumt sie von einem «Tiny House» in Form eines Bauwagens: Ein isoliertes, autarkes, mobiles Heim, das mit ihr unterwegs ist.

Aus Gras wird Fleisch

Die Schafe der Winterherden dienen der Fleischproduktion. Schaffleisch fristet in der Schweiz ein stabiles Nischendasein. Edlere Stücke wie Filet, Steak oder Koteletts sind gefragt, die restlichen 85 Prozent des Körpers weniger. Dank dem Zuzug vieler Menschen aus östlichen Mittelmeerländern hat sich das geändert. Diese Nationen essen traditionellerweise Schaffleisch. Oft werden die Schafe als ganze oder halbe Tiere verkauft. Die Art Schafhaltung von Sarah Müri, ist eine sehr ökologische und effiziente Art, damit aus Gras ein Lebensmittel entsteht. «Ich möchte die Bevölkerung dafür sensibilisieren, dass es hier um eine wertvolle und erhaltenswerte Tradition handelt und dass wir Hirten normale, gesellschaftstaugliche Menschen sind», erklärt Sarah schmunzelnd, warum sie im UNO-Jahr der Weiden und Hirten in kurzen Videos aus ihrem Leben berichtet.

Fleischgericht aus Schaffleisch.

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